online gestellt am 18.11.2016

Arbeit in einem Flüchtlingscamp in Griechenland

Von Dr. Helga Lemme

 

Ich bin Kinderärztin und arbeite seit 3 Wochen in einem Flüchtlingslager im Nordosten von Griechenland. Vorher war ich schon in mehreren anderen Ländern Afrikas und Asiens in humanitären Einsätzen.

Als ich das Camp das erste Mal sah, war es ein Schock für mich, denn ich war hier im reichen Europa, aber die Menschen leben fast wie in einem Slum in Afrika. Im Lager sind c.a. 500 Menschen untergebracht, alles Familien, etwa die Hälfte der Bewohner sind Kinder und Jugendliche.

Fast alle Flüchtlinge sind Jesiden aus dem Irak und Kurdistan, auch einige Syrer. Die Jesiden wurden wegen ihres Glaubens grausam vom IS verfolgt, viele getötet, Frauen vergewaltigt und verkauft. Diese konnten fliehen. Nun leben sie in in c.a. 80 Sommerzelten ohne Boden. Die Nächte sind auch hier schon empfindlich kalt. Wenn es regnet, läuft das Wasser in die Zelte. Die meisten haben nur Matratzen auf dem Boden und nur Wenige haben das Glück, zumindest ein kleines, einfaches Zimmer im festen Bau des Camps zu haben. Die Zelte stehen sehr eng, trotzdem muss dazwischen auf primitiven selbstgebastelten Feuerstellen gekocht werden, weil in der Küche viel zu wenige Kochplätze vorhanden sind und die Elektrizität zu schwach ist. Das fertige Essen, das kalt angeliefert wird, ist einseitig und mitunter wirklich kaum genießbar. Es gibt keine Tische oder Sitzgelegenheiten, weder zum Essen noch sonst irgendwo. Auch nicht für die alten Menschen. Sitzen kann man nur auf dem Boden.

Refugees not welcome in Europe! Foto Dr. LemmeDuschen in Containern, die meist nur früh ausreichend warmes Wasser haben, sind nicht ausreichend vorhanden. Es gibt nur Dixiklos.

Die Frauen erledigen leider fast die ganze Arbeit allein. Holz müssen sie inzwischen von weit her sammeln, denn um das Lager ist alles wie leer gefegt.

Wäsche muss mit der Hand auf dem Boden im kalten Wasser gewaschen und zwischen den Zelten aufgehangen werden. Das Lager ist sehr staubig und ich bewundere immer wieder, wie sauber sich die Bewohner trotzdem halten.

Die Kinder haben keinen Schulunterricht, nur einige Freiwillige beschäftigen sich mit ihnen. Aber es gibt keinen Platz zum Malen oder Schreiben, keine Hefte und Stifte geschweige denn Bücher.

Bekleidung wird sehr viel von der griechischen Bevölkerung gespendet, aber es fehlt an Schuhen, besonders jetzt im Winter.

Wir sind mit unserer Ambulanz vom Hammer Forum, einer deutschen NGO, jeden Tag im Lager. Die Medikamente stammen von Spenden aus Deutschland, aber auch von Griechen vor Ort. Teure Medikamente können wir nicht beschaffen. Erstaunlicherweise sind die Menschen noch relativ gesund. Viele, vor allem Frauen haben natürlich Beschwerden von de r schweren Arbeit, und viele sind depressiv. Untersucht und behandelt wird im Krankenwagen. Übersetzer, meist nette junge Flüchtlingsfrauen, auch einige gut ausgebildete Männer, unterstützen mich jeden Tag freiwillig. Von den älteren spricht kaum jemand englisch, aber unter den jungen Leuten und auch Kindern, haben viele gute Englischkenntnisse.

Alle Bewohner des Lagers sind immer noch voller Hoffnung, nach Westeuropa kommen zu können. Die meisten wollen nach Deutschland, weil sie bei uns schon Angehörige haben.

Viele zeigen mir Bilder aus ihrer Heimat, meist aus Shingal, einst eine schöne Stadt. Kaum jemand von uns kann wahrscheinlich ermessen, welches Leid der Krieg ihnen gebracht hat.