online gestellt am 18.11.2016

Bereitet sich die NATO auf einen Krieg gegen Russland vor?

Von Nico Jühe

 

Wir leben wieder in gefährlichen Zeiten. Nicht nur, dass im Nahen Osten westlich angestiftete „Umstürze“ ehemals stabile Länder wie den Irak, Libyen und Syrien in das Chaos gestürzt haben, auch in Europa bahnt sich ein Konflikt an. Worum geht es?

Während des kalten Krieges haben die Rüstungsindustrie und das Militär in den USA und in Europa erheblich an Einfluss gewonnen und sich zu autonomen Interessenträgern verselbständigt. Nach Ende des Kalten Krieges war die USA mit ihren NATO-Partnern die einzig verbliebene Weltmacht. Durch den vollständigen Wegfall des sozialistischen Lagers stand der Westen nach 1991 jedoch plötzlich ohne Gegner da und die militärisch-industrielle Lobby fürchtete um ihren Einfluss, ihre Posten und gewinnen, ließen sich doch die milliardenschweren Ausgaben für Rüstung immer weniger rechtfertigen. Zudem befand sich das damalige Wirtschaftssystem des Westens in einer ernsten Krise, die durch die Eroberung neuer Märkte im Osten und in Russland nur vorübergehend abgefedert werden konnte. In der dem Kapitalismus immanenten Wachstumslogik müssen immer neue Märkte erobert werden. Doch ist die Bevölkerung aller westlichen Länder seit Ende des zweiten Weltkrieges unverkennbar kriegsskeptisch. All das ließ die Strategen in Geheimdiensten, dem Militär und diversen Thinktanks mit hoher Intensität nach neuen Feindbildern suchen.

 

Der große Wendepunkt

 

Nach dem 11. September 2001 meinte man diesen im Islam gefunden zu haben, eine Feindbild-Option, die schon Anfang der 90er theoretisch unter dem Stichwort "Krieg der Zivilisationen" vorbereitet wurde. Der Friedenswille der Bevölkerung war gebrochen und eine ganze Reihe neuer Kriege konnte vom Zaun gebrochen werden. Die Milliarden für Rüstung und Militär flossen wieder üppiger. Obwohl der Irak nachweislich nichts mit dem Terroranschlag auf die Zwillingstürme zu tun hatte und auch die Behauptung, Saddam verfüge über Massenvernichtungswaffen, sich später als bewusste Lüge entpuppte, wurde auch dieses Land angegriffen. Der tatsächliche Grund (neben den Begehrlichkeiten des militärisch-industriellen Komplexes) liegt auf der Hand: Das irakische Öl. Der Irak gehörte mit Libyen, Syrien und einem damals noch vorsichtigen Iran zu den Mächten, die sich gegen die westliche Vorherrschaft stellten. Der Irak stürzte durch die militärische Intervention ins Chaos, auch ein Marionettenregime hielt nicht ohne US-Besatzung stand. Fast eine Million Tote sind die Folge des Krieges im Irak und des nachfolgenden Chaos, in dem auch diverse Terroristengruppen wie der IS wachsen und erstarken konnten.

 

Das aggressive Agieren des Westens wurde erleichtert durch das Fehlen eines ernsthaften geopolitischen Gegenspielers. Russland war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der darauffolgenden Jelzin-Jahre ein geschwächtes Land, innen- wie außenpolitisch. Als Putin jedoch in Russland anfing, den Zugriff auf russische Bodenschätze durch westliche Unternehmen infrage zu stellen, und allmählich entsprechende Unternehmen wieder in staatliches Eigentum zu überführen, nutzte man auch das altbekannte Feindbild "Russland" wieder verstärkt.
 

Nato StationierungObwohl Bush Senior während der Verhandlungen über die Zukunft Europas Michail Gorbatschow versprochen hatte, dass sich die NATO nicht weiter nach Osten ausdehnen werde, dehnte sich das westliche Militärbündnis bis an die Grenze Russlands aus. NATO-Waffen stehen heute in nur 140 Kilometern Entfernung von der leidgeprüften Stadt Leningrad (heute Sankt Petersburg), der zweitgrößten Stadt Russlands. Eine Ausgangslage für einen Krieg, von der Hitler nur träumen konnte, und darum in Russland mit großer Sorge beobachtet. Russland reagiert nun entsprechend seiner Möglichkeiten selbst mit zunehmender Bewaffnung und wurde geopolitisch aktiver.

 

Die syrische Zündschnur, das ukrainische Brandfass

 

Als in Syrien 2011 schließlich eine Handvoll Demonstranten auf die syrische Polizei schossen, sahen die führenden Kräfte in der USA die Gelegenheit gekommen, eine öffentliche Kampagne gegen die nun „tyrannischen Diktator Assad“ zu inszenieren, der noch zwei Jahre vorher als möglicher Partner des Westens nach dem Tod seines Vaters, Hafiz Al-Assad, gesehen wurde. Was war passiert?

 

Im Persischen Golf, zwischen Katar und dem Iran, liegt das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt, das South-Pars-Gasfeld. Es wurde 1971 mit der Hilfe von Shell, dem heutigen größten Öl-Konzern der Welt, seitens der Kataris entdeckt. Die Förderung begann 1989, der Iran entdeckte den Zugang zu diesem Gasfeld 1990. 2011 schloss der Iran mit Syrien Verträge darüber ab, eine Pipeline über den Irak nach Syrien zu legen, um sich auch einen möglichen Markt Richtung Türkei und Europa offenzuhalten. Die USA hatten ähnliche Pläne für die katarische Seite des Gasfelds. Die syrische Regierung lehnte jedoch das westliche Nabucco-Projekt im Interesse des Iran ab.

 

Mit diesem Hintergrund sollte nun die syrische Regierung gestürzt werden, um eine westlich-konforme Marionettenregierung dort einzusetzen. Russland unterstützte schon damals die syrische Regierung mit Militär- und Versorgungsgütern, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Das Eingreifen Russlands 2015 auf Seiten der syrischen Regierung hat ebenso deutlich gemacht, dass die Zeiten, in der der Westen beliebig in jedes unliebsame Land einfallen konnte, vorbei sind. Russland hat in diesem Zusammenhang Begriffe wie Völkerrecht und Souveränität wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

 

Der Westen, und insbesondere die USA, sahen nun ihre Interessen massiv bedroht. So richteten sich die Geostrategen des Pentagons danach aus, den Hauptrivalen ihrer Interessen, Russland, möglichst in seinen Handlungsmöglichkeiten zu behindern. So drängte Europa die Ukraine und ihren damaligen Präsidenten Janukowitsch dazu, ein Assozierungsabkommen zu unterschreiben, was den Zoll für westliche Güter herabsenken und teilweise beseitigen sollte. Es sollte den Haupthandelspartner der Ukraine, Russland, schwächen. Als Janukowitsch sich weigerte, brach 2014 ein Konflikt in der Ukraine aus, der mit 5 Milliarden Dollar aus Washington gesponsert, einen erfolgreichen Putsch mit Hilfe militanter Rechter und oppositionellen Oligarchen durchzuführen, der das Land in einen proeuropäischen (westlichen) Teil, und einen prorussischen (östlichen) Teil spaltete. Anhand eines solchen Brandherdes soll, wie bereits einer der Vordenker der US-Außenpolitik unter Carter, Zbigniew Brzeziński, meinte, eine konkurrierende Großmacht systematisch unter Druck gesetzt werden, um „nicht mehr zur Ruhe zu kommen“.

 

Die Katastrophe, auf die wir zurasen

 

Das geopolitische Spiel ist zu weit gegangen. Mit dem Inbrandsetzen des großen Nachbarn Russlands, der zudem mit Russland durch ein jahrhundertelanges gemeinsames Schicksal, enge wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeiten und Millionen persönlicher Bindungen untrennbar verbunden war, griff der Westen Russland faktisch direkt an. Jedem westlichen Strategen war und ist bewusst, dass Russland sich weder eine solche Instabilität, wie sie derzeit in der Ukraine herrscht, vor der eigenen Haustür leisten kann, noch westliche Truppen in 400 Kilometern Entfernung von Moskau und 200 Kilometern Entfernung vom ehemaligen Stalingrad dulden wird. Nicht nur, dass Hitler mit einer solchen Ausgangslage den Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen hätte, ein solches Vordringen des westlichen Militärs macht Russland auch gegen einen atomaren Angriff unverteidigbar. Bei Kharkov oder Donezk startende Raketen sind schlicht viel schneller an ihrem Ziel, als die russische Führung darauf reagieren kann. Führt man sich das vor Augen, dann können die Reaktionen Russlands wie die Rückgliederung der Krim oder die Unterstützung des Antimaidan-Widerstands im Donbass, nur als äußerst moderat und mit erstaunlichem Augenmaß geführt gelten.

 

Das Problem ist, dass in der westlichen, auch deutschen, aufgrund eigener geostrategisch- und machtpolitischer Interessen, Politik bis heute keinerlei Einsehen und keinerlei Kompromissbereitschaft erkennbar ist. Man zockt weiter, indem man meint, Russland durch noch mehr Druck brechen und zerbrechen zu können, wie es seinerzeit im Falle der Sowjetunion gelungen ist. Man unterschätzt dabei, dass dieser Kampf für Russland ein existenzieller ist und dass das russische Volk genug Lebenswillen hat, um sich in seinem legitimen Existenzbereich nicht unterwerfen oder gar vernichten zu lassen. In die Enge getrieben, kann durchaus eine Situation entstehen, in der sich Russland dem aufgezwungenen Krieg stellen wird, auch mit nuklearen Mitteln. Die westlichen Politiker und Militärs verzocken sich gerade. Und das um den Preis einer Katastrophe, deren Gefahr 1991 endgültig beseitigt schien: Der gegenseitigen nuklearen Vernichtung. Ob ein Krieg in Europa tatsächlich möglich wird, hängt von den Machtkämpfen in den USA ab. Auf der einen Seite die Neokonservativen und ihr militärisch-industrieller Komplex, deren Vertreterin Hillary Clinton ist, oder ein politisch unerfahrener, aber sich entschlossen zeigender Trump, der viele kritische Geister der US-Außenpolitik um sich versammelt. Eins müssen wir uns vergegenwärtigen: Der zweite Weltkrieg begann nicht mit dem deutschen Einmarsch in Polen 1939, sondern weit vorher, mit dem Einmarsch der Japaner in die Mandschurei 1931. In Anbetracht des gegenwärtigen Konfliktes ist es nicht ausgeschlossen, dass der Nahe Osten die Mandschurei des dritten Weltkriegs sein könnte, mit dem Einmarsch der USA in den Irak 2003.

Quelle Foto: http://www.schweizmagazin.ch/nachrichten/ausland/28199-Krank-NATO-Kampftruppen-russischer-Grenze.html