online gestellt am 18.11.2016

Kostensparen in der Jugendhilfe – eine Never-Ending-Story

von Michael Oertel

Immer wieder steht die Arbeit der Jugendämter Deutschlands im Fokus der Öffentlichkeit, besonders dann, wenn Kinder zu Tode kommen, die von Jugendämtern betreut wurden. Auch Leipzig hat einige traurige Geschichten zu erzählen. Die Jugendhilfe scheint an ihre Grenzen gekommen zu sein, was in Leipzig in folgenden Zahlen Ausdruck findet. 

Die erzieherischen Hilfen sind von 2006 bis 2010 von 2423 auf 3333 gestiegen, der Jugendhilfeetat hat sich dabei um 33 % erhöht. Tendenzen, die sich in ganz Deutschland abzeichnen, die 2011 dazu führten, dass sich die A-Staatssekretäre um den Staatsrat Pörksen (Hamburg) zusammenfanden, um die Kosten in dem Bereich zu minimieren, ja sogar den Rechtsanspruch auf „Hilfe zur Erziehung“ abzuschaffen, die Armen damit noch ärmer zu machen, denen die Hilfe zu entziehen, die sie besonders nötig haben. Noch sind dererlei Pläne nicht vom Tisch, weshalb es sich lohnt wachsam zu bleiben und das Thema aufzugreifen.

Vor vielen Jahren, besonders mit der Einführung des SGB VIII, fand auch der Dienstleistungsbegriff, verstanden als Rettungsanker, Einzug in den Bereich. Begrifflichkeiten wie Sozialmarkt, Qualitätsmanagement, Effizient, Effektivität und Kunde wurden etabliert. Doch, muss kritisch gefragt werden, können Menschen, die Hilfe brauchen, um Hilfe bitten, als Kunden bezeichnet werden? Wollen sie tatsächlich ein Produkt, eine Dienstleistung erwerben? Können sie sich überhaupt auf einem Markt orientieren? Gibt es den Sozialsupermarkt, in dem die Kunden die Waren, wie ein Päckchen Waschpulver, aus dem Regal ziehen können? Und verfügen diese „Kunden“ überhaupt über das Geld, um die Waren bezahlen zu können? Diese Fragen kann sich ein Jeder, und das wohl problemlos, selbst beantworten. 

Nun werden die politischen Verantwortungsträger von dem künstlichen Marktkonstrukt überrollt, ein Konstrukt, was schon 1979 von Ivan Illich als eine „Entmündigung durch Experten“ genannt wurde, was zur Folge hat, dass der „Sozialmarkt“ umstrukturiert wird, hoffend damit Kosten zu sparen, damit das Risiko in Kauf nehmend, dass Kindern keine adäquate Hilfe zuteilwird, sie ggf. zu Tode kommen, wie eben auch in Leipzig geschehen. 

Wenn wir in Joseph Hubers Aufsatz von 1979 lesen: „Die Rolle des Sozialstaates bestand in erster Linie in der nachträglichen Linderung zuvor erzeugter Nöte und in der nachträglichen Umverteilung zuvor ungleich und ungerecht verteilter Mittel.“ wissen wir, was die A-Staatssekretäre vorhaben. Sie wollen nun auch noch die Linderung abschaffen, dabei muss es doch darum gehen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel endlich gerecht verteilt werden und dass Benachteiligung erst gar nicht entsteht. 

Mir fällt dazu ganz passend eine alte amerikanische Weisheit ein „Eine Million Dollar, um das Kind aus dem Brunnen zu holen, aber keine 100 Dollar um einen Deckel auf den Brunnen zu legen!“

Hilfe für Kinder an primär an betriebswirtschaftliche Prämissen zu hängen, das ist ganz schön arm!