Brooklyn Eagle 1929

online gestellt am 23.01.2017

Mythos Markt

Von Susan Bonath.

An einer Marktwirtschaft halten inzwischen sogar viele Linke fest. Während sie (einschließlich Sahra Wagenknecht) die "soziale" Komponente selbiger betonen, loben Neoliberale einen "freien Markt", der durch den Staat nicht "eingeschränkt" werden dürfe. Letztere (aber auch Erstere) behaupten also, Markt und Staat seien völlig gegensätzliche Dinge. Und die Krönung ihrer Story: Das Bedürfnis, Waren zu tauschen, wohne den Menschen inne. Das alles sind pure Fiktionen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Denn:

Es ist geschichtlich belegt, dass es niemals so etwas wie eine freie Tauschwirtschaft ohne Staat gab. Gleichwohl steht fest, dass die erste Marktwirtschaft in der Antike bereits mittels Kriegswirtschaft und Sklaverei von Staaten und Imperien erst durchgesetzt wurde.

Funde von Siedlungen bis ca. 3.000 vor unserer Zeitrechnung zeugen von gemeinschaftlichem Wirtschaften in relativ egalitären Gesellschaften. Heißt: Die Gemeinschaft produzierte für die Gemeinschaft, es gab keine besonders reichen und keine besonders armen Menschen.

Mit der Bronzezeit begann die Rüstungsproduktion. Stadtstaaten, die Zugang zum Zinn- und Kupferbergbau hatten, entwickelten sich zu mächtigen Imperien, da sie Heere ausrüsten und mit überlegenden Waffen Kriege führen konnten. Sie expandierten, unterdrückten die Eroberten und ließen sie als Sklaven in Bergwerken arbeiten - um Rüstungen, Waffen und bald auch massenhaft Münzgeld herzustellen.

Das Münzgeld diente den Soldaten als Sold. Damit sich diese davon auch was kaufen konnten, mussten die Herrscher - anfangs meist vormals brutale Heeresführer - die Geldwirtschaft durchsetzen: Sie zwangen die Bauern, ihre Steuern nicht mehr in Naturalien, sondern in Münzgeld zu zahlen. Um Steuern mit Waffengewalt einzutreiben zum Erhalt und zur Expansion dieses ersten Marktes, brauchte es den Staatsapparat. Markt und Staat entstanden also nicht nur co-evolutionär, der Staat schuf geradezu den ersten Marktkreislauf aus Bergbau, Kriegswirtschaft und Sklaverei.

Der Staat implementierte auch die Grundvoraussetzung für einen Markt: Er schrieb die Eigentumsverhältnisse fest und setzte sie brutal durch. Im römischen Imperium, das Eigentum zum Absolutismus erklärte, erreichte diese antike Marktwirtschaft ihren Höhepunkt. Vom Imperator eingesetzte Verwalter für Bergbau, Rüstungs- und Münzproduktion trieben den Kreislauf von Umweltzerstörung, roher Gewalt, Krieg und Versklavung auf die Spitze. Konzernähnliche Gebilde mit eigenen Armeen und Vollstreckern wurden zu Imperien im Imperium. Und zugleich wuchs die Zahl der enteigneten Bauern, die sich mittellos verdingen mussten. Denn wer keine Münzgeldsteuern zahlen konnte, wurde rigoros enteignet.

Kurz: Je stärker ihr Militärapparat war, desto gewaltsamer setzten Staaten den von ihnen erschaffenen Markt zugunsten der Besitzenden erst durch. Im Mittelalter kam es in Europa nur zum Einbruch, weil die herrschende Klasse kaum Zugang zu Eisenerzen hatte. Eigentum konnte nicht so brutal wie einst im römischen Reich durchgesetzt werden. Ländereien wurden an Bevorzugte als Lehen vergeben. Bis die großen Handelshäuser sich etablierten, sich der Kapitalakkumulation verschrieben, zu Aktiengesellschaften anwuchsen mit eigenen Militärapparaten.

Erst in der frühen Neuzeit erreichte die Zwangschristianisierung und kirchliche Unterdrückung ihren Höhepunkt. Die Kirche wuchs zum mächtigen ideologischen Machtapparat heran - Hand in Hand mit neuen staatsähnlichen Strukturen. Der Beginn der Kapitalisierung und Aufrüstung begleitete die massenhaften Hexenverfolgungen und -tötungen - keineswegs die kleinteiligen Strukturen des Mittelalters.

Man kann also feststellen: Marktwirtschaft kann und konnte nie ohne Staatsapparat, der gewalttätig Eigentumsrechte durchsetzt, existieren. Die Marktwirtschaft selbst ist eine Form der Unterdrückung. Sie spaltet in begüterte Marktteilnehmer und besitzlose Bettler. Und: Erst die Einführung der globalen Geldwirtschaft konnte die Unterdrückung vervollkommnen. Man sollte von daher nicht jeden einseitigen Geldsystemkritiker als "Rechten" abstempeln.

Das Problem, das wir heute haben, ist das irrationale Glaubensmuster, der Staat sei irgendwie zu unserem Schutz da und existiere völlig unabhängig von der Marktwirtschaft. Abstrakte Verhältnisse inklusive entfremdeter Arbeit verschleiern die gewaltsame Ausbeutung und die tatsächliche rabiate Unterdrückungsgewalt des Staates als Exekutive der Großkonzerne und Banken durch Polizei und Behörden nach innen und Militär nach außen.

Vergessen wird auch: Jede soziale Komponente eines marktwirtschaftlichen Staates entspringt nur den Bedürfnissen der Herrschenden: z.B. dringender Bedarf an möglichst freiwilligen Lohnarbeitskräften oder Angst vor Aufständen etwa nach einer Entmilitarisierung des Apparats.

Gleichwohl hat jede Aufrüstung des Staatsapparats nur ein Ziel: Gewaltsamere Durchsetzung der EIgentumsrechte der Kapitalbesitzer durch gewaltsamere Unterdrückung der Besitzlosen. Diktatorische bis hin zu faschistischer Gewalt ist somit ein Mittel zur rabiaten Durchsetzung der von den Herrschenden zusammen mit dem Staat implementierten Marktwirtschaft.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.