online gestellt am 01.02.2018

Wem wird am 27. Januar gedacht?

Von Sebastian Jahn

Anlässlich des „Tags der Opfer des Nationalsozialismus“ hielt die Stadt Leipzig in Vertretung durch Oberbürgermeister Jung am 27. Januar in Abtnaundorf, wo kurz vor Kriegsende über 80 Häftlinge des KZ Außenlagers Leipzig-Thekla auf bestialische Weise ermordet wurden, eine Gedenkveranstaltung ab. An jenem 27. Januar jährte sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz nämlich zum 73. Mal. Doch wer war es, der dem diabolischen Treiben dieser Sklavenhälter und Menschenschlächter in Hakenkreuzuniform in Auschwitz und letztlich ganz Europa ein Ende setzte? Die Rote Armee der Sowjetunion.

Dieser Fakt wird gern vergessen gemacht, relativiert oder in versteckten Nebensätzen innerhalb langer Gedenkreden über den Holocaust verpackt, woraus schließlich zweierlei resultiert: Erstens verengt sich die Sicht auf die Opfer auf die Gruppe der sechs Millionen getöteten (und hier wiederum insbesondere deutschen) Juden und zweitens verunmöglicht die vorherrschende Singularitätsperspektive eine Einbettung in den historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs und speziell des Vernichtungsfeldzuges im Osten, ohne die der Holocaust unverstanden bleiben muss.

Ohne Frage war der Antisemitismus eine tragende Säule der NS-Ideologie und -Praxis; und unvorstellbar groß ist die Zahl der ermordeten Juden sowie unvorstellbar grausam die Methoden, die dabei zur Anwendung kamen. Doch waren es neben den Juden auch die Sinti und Roma, die Behinderten, die Menschen mit abweichender sexueller Orientierung, die Zivilbevölkerungen Polens, Griechenlands, Jugoslawiens, der Sowjetunion usw. und schließlich und nicht zuletzt – sondern zeitlich betrachtet sogar zuerst – die Kommunisten und Sozialdemokraten als politische Hauptgegner, die dem Naziterror zum Opfer fielen. Dabei stehen diese verschiedenen – und sich überlappenden – „Opfergruppen“ keineswegs zufällig nebeneinander, sondern weisen in Summe durchaus einen inneren Zusammenhang auf: Denn ging es den Nazis doch im Kern um ein von der aristokratischen „arischen Herrenrasse“, das heißt im Klartext deutschen Großbanken und Monopolen, beherrschtes Europa. Im Krieg gegen die Sowjetunion ab 1941 spielten neben geopolitischen Interessen („Lebensraum im Osten“) insbesondere auch Motive eine Rolle, die auf eine Beseitigung der Ergebnisse der Oktoberrevolution drängten. Denn in Folge der russischen Oktoberrevolution wurden die privaten Enteigner enteignet, die parasitär gewordene feudale und kapitalistische Oligarchie entmachtet. Das stellte aus Sicht der „Herren dieser Welt“, auch und gerade der deutschen, einen ungeheuren Affront dar und musste unbedingt gesühnt und rückgängig gemacht werden. Die Beteiligung vieler Juden an der Oktoberrevolution und der ohnehin starke jüdische Anteil innerhalb der kommunistischen Arbeiterbewegung nährte die Mär von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, derer sich dann die Nazis sowohl in der praktizierten Verfolgung, Versklavung und Vernichtung der europäischen Juden, als auch, gemischt mit einem Hass auf die „slawischen Untermenschen“, im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion bedienten.

Dass dieser Vernichtungsfeldzug, dessen unermessliche Barbarei den Holocaust überhaupt erst ermöglichte, durch den heldenhaften Widerstand des sowjetischen Volkes schließlich zum Scheitern gebracht wurde, machte, dass die befreiten KZ-Häftlinge von Auschwitz endlich sagen konnten: „Heimat, du bist wieder mein!“

Doch all diese Zusammenhänge interessieren in der herrschenden politischen und medialen Erinnerungskultur nicht. Die Fokussierung auf den Antisemitismus und den Mord an sechs Millionen Juden deckt sich denn auch mit den Imperativen der imperialistischen Außenpolitik der bürgerlichen Bundesrepublik: Unverbrüchliche (militärische) Treue zum Apartheidsstaat Israel und zunehmende Konfrontation zu Russland. Stattdessen Unterstützung der 2014 in der Ukraine durch einen Putsch an die Macht gelangten russlandfeindlichen Kräfte, welche sich selbst in der Tradition derjenigen NS-Kollaborateure verorten, die zusammen mit den Nazis das Massaker von Babi Jar von 1941 mit über 33 Tausend jüdischen Opfern zu verantworten haben. Zynischer geht es nicht.

Vor diesen die Opfer selektierenden und instrumentalisierenden Karren ließen wir, Der Stachel Leipzig, uns nicht spannen und beteiligten uns deshalb nicht an der offiziellen, durch Oberbürgermeister Jung repräsentierten „Gedenkveranstaltung“. Stattdessen standen wir hier, ganz ohne Oberbürgermeister, und gedachten am Tag der Opfer des deutschen Faschismus (auf die vernebelnde und propagandistische Selbstbezeichnung „Nationalsozialismus“ verzichten wir gerne) ehrlich aller Opfer des Nazifaschismus; und damit so etwas nie wieder geschehen möge, insistieren wir auf den so wichtigen Satz: Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!